Die Wegwarte
Eine Erzählung von Anna Ernst.
Eine Frauengruppe wanderte durch das Taunustal. Plaudernd machten sie sich gegenseitig auf die Schönheit der Landschaft aufmerksam. Die kleinen Attraktionen der Natur, die erdnah am Wegrand siedelten, wollten auch wahrgenommen werden: Die Pflanzen mit zarten hellblauen Blütchen, die ausschließlich am Wegrand wuchsen. ,,Und schaut mal, nicht eine von ihnen siedelt auf der Wiese hier”, alle stehen nur am Wegrand, wie in Reihe nebeneinander gesetzt”, staunte Giesela, als hätte das System ,,Wartet, ich habe ein Pflanzenbestimmungsbuch dabei.” Sie blätterte im Büchlein: ,,Da ist es, das Gewächs”. Giesela zeigte das Foto. Alle bestätigten ihre Auswahl. Name: Wegwarte, ihr Aus sehen stimmte, Blüten gibt es Ende Juli, August, stimmt auch. ,,Wir haben August”, fanden die Frauen, liebt karge Böden… nur an Wegrändern wachsend.” ,,Schon auffällig, oder?” meinten die interessierten Frauen. ,,Ach und das noch, hört mal was hier steht”, Giesela las vor: ,,Nach dem Krieg haben die Leute ihre Wurzel, auch Zichorie genannt – zu Ersatz-Kaffee gemahlen.” ,,Ach du liebe Güte” kam es von der Gruppe, ,,unsere findigen Großeltern! Ob der geschmeckt hat?” Kaffee war nun das Stichwort. Alle waren mit dem Vorschlag einverstanden, Pause zu machen, bei einem ,,richtigen” Kaffee und Kuchen. lm Nu war das Restaurant ,,Rheinguck” fest in der Hand der Wandertruppe. Zwischen Kaffeetrunk und Kuchenschmaus meldete sich Anne zu Wort. Sie hatte inzwischen das Bestimmungsbuch durchgeblättert. ,,Hört mal, ihr Lieben, ich habe hier noch eine Story zu unserer Wegwarte gefunden: Wie sie zu ihrem Namen gekommen. So eine Art Märchen.” ,,Ah ja, los, lies vor. Märchen sind so die Fake News von vorgestern. Hören wir doch alle gern.” Anne hüllte ich theatralisch in ihr Megawolltuch, schob die Brille auf der Nase etwas höher und legte los: ,,Also, vor einer ewigen Ewigkeit inspizierte Gott persönlich seine Schöpfung. Bei seinen Gängen durch die Landschaft fiel ihm eine junge Frau auf. Sie stand wie angewurzelt stets an der gleichen Stelle am Wegrand. Auf die Frage Gottes, weshalb sie sich immer hier aufhalte, erklärte sie: “Ewig warte ich hier schon auf meinen Liebsten, der in den Krieg ziehen musste. Hier gab er mir den letzten Kuss. Wir wollten heiraten. Ich warte hier auf seine Rückkehr.” ,,Du bist eine hoffnungsvolle Frau”, antwortete ihr Gott. ,,Ich gebe dir den Namen ,,Wegwarte”. Du stehst am Weg und wartest still auf dein Lebensglück, auf das du, verzichten musste ,,Ende der Story” Anne gab Giesela ihren Pflanzenführer zurück. ,,Naja, outete sich jetzt Eri nachdenklich: ,,Der Chef aller Schöpfung hätte ja noch sagen können: Leute – Menschheit – lasst Frieden den Gang auf der Erde bestimmen, respektiert Grenzen – das macht doch das Leben aus! Das wäre das richtige Rezept: Du Pflänzchen musst hier für diese Botschaft geradestehen!” Eri, du machst ne echte Ethikstunde hier für uns. Typisch Lehrer“, ulkten die Frauen. Sie gaben der Vorleserin noch einen Kaffee aus. Die letzte Wanderetappe endete am Bahnhof. Es war Zett zur Heimfahrt. Am Montag startete Giesela in die neue Arbeitswoche. Der Wandersonntag hatte neue Kraft und eine interessante neue Information gebracht. An den Rändern der verkehrsberuhigten Straße, – die sie zur Arbeit befuhr – da wuchsen ihre Wegwarten. Heute sah sie die Pflänzchen mit neuen Gefühlen. An beiden Straßenrändern dicht neben dicht wie ein natürlich wachsendes Zäunchen, wurzelten sie in vollem Blühmodus bündig bis zu den Rändern der Fahrbahn. Die Botschaft aus dem gestern gehörten ,,Märchen” kam ihr deutlich ins Bewusstsein: Wegwarten als Mahnerinnen gegen Kriege! ,,Stärkt euch für den Weltfrieden * ja, den Frieden auf der Welt”, echote es in Gieselas Ohren. Sie war so beeindruckt von der Wegwartenstory. In der Arbeitspause konnte Giesela nicht anders, als diese Wegwartenstory ihrem Arbeitsteam zu erzählen. ,,Naja” – kommentierte jemand -,,wir brauchen für die Friedensbotschaft doch keine Pflanzen”. ,,Das wissen wir doch auch so!” War die einhellige Meinung. ,,Ein Wegwartenfoto in der Wohnung – vielleicht als Erinnerung, oder”, regte Giesela an. ,,Kann ganz originell sein, aber mehr auch nicht”, liebe Giesela. Auf dem Heimweg verabschiedete sie sich von ,,ihren” Wegwarte. ,,Bis morgen”, rief sie aus dem geöffneten Autofester und winkte ihnen zu. Zuhause parkte sie, wollte schnell in ihre Wohnung, als Sonja, ihre Nachbarin, sie stoppte. Mit einladender Geste rief Sonja: ,,Komm zu mir, wir sollten mit einem Sektchen den Feierabend upgraden.” ,,Nichts lieber als das, meine Liebe, ich komme. Eine tolle ldee”, rief Gisela. Die zwei Frauen machten es sich auf Sonjas Balkon bequem, ließen alle fünfe gerade sein, wie man so sagt. Nachdenklich vor sich hinsehend sprach Giesela leise: ,,Du hast die Geschichte von der Wegwarte ja auch noch präsent, Mich hat sie doch ziemlich berührt, zudem mir die Pflanzen schon länger auf meinem Weg zur Arbeit aufgefallen sind. Da kannte ich die Erzählung noch nicht”. ,Du bist halt stark empfänglich für solche Märchenaussagen, liebe Giesela”, tröstete Sonja. ,,Komm, lass dich nicht so runterziehen. Prösterchen.” Ein neuer Gläserklang war zu hören. ,,Und Feierabend ist-s. Morgen ist ein neuer Tag, der sieht sicher ganz anders aus.” ,,Hast recht Sonja.” Mit neuem Prösterchen ließen die beiden Frauen den Feierabend einklingen. Sie wollten ihn ausklingen lassen! Aber plötzlich knackte Sonjas Handy. Es schaltete sich ein. Die Stimme des Nachrichtensprechers war zu hören: ,,Der Verteidigungsminister der BRD spricht vor dem Bundestag.” Der Originalton wurde eingefügt: ,,Wir müssen bis 2029 kriegstüchtig sein. Wir müssen Abschreckung leisten, um zu verhindern das es zum Äußersten kommt.” ,,Sonja, schalte das Handy aus”, bat Giesela. Beide Frauen blieben sprachlos, bis Sonja als erste die Sprache wieder fand. ,,Wie hieß doch das Wort ,,kriegstüchtig” oder ,,kriegssüchtig?” ,,Ich interpretiere den Text so”, als wenn ein Volk angestachelt werden soll, Krieg als etwas ganz Normales zu sehen, oder”? ,,Ich glaube, wir sollten dem Verteidigungsminister (eher Kriegsminister) einen 1000 Liter Kübel Wegwarten mit einem Botschaftstext vor seine Hütte kippen”. ,,Toller Vorschlag. Darauf stoßen wir an”, fand Sonja. Das Gläserklingen war noch bis spät in die Nacht zu hören. Anderntags auf dem Weg zu ihrem Büro, fuhr sie das Auto etwas hurtiger. Sie freute sich auf das Wiedersehen mit ,,ihren” Wegwarten. Das gestern gesendete Fernsehinterview mit dem Verteidigungsminister regte sie nicht mehr auf. Die Ansprache hatte doch eher die Wirkung der Friedensbotschaft dieser bescheidenen Pflanzen nur bestätigt. Als Giesela in ihre ,,Wegwartenstraße” – wie sie diese für sich genannt hatte * abbiegen wollte, wurde sie von einem freundlichen Polizisten mit einer Haltekelle gestoppt. Giesela ließ das Autofenster herunter. Sie frage kurz ,,Warum?” Der Polizist gab Auskunft: ,,Leider ist diese Straße seit gestern Abend gesperrt!” Giesela frage weiter: ,,Wie das denn?” ,,Wegen Bauarbeiten. Die Straße muss verbreitert werden”, erklärte der Beamte. Nun verlor Giesela die Fassung. Sie riss die Augen auf und wurde ziemlich laut: ,,Das könnt ihr doch nicht machen, das ist doch mein Wegwartenweg.” Sie sprang aus dem Auto, warf einen Blick auf die Baustelle, wo schweres Gerät kräftig rumbaggerte: ,,Alles kaputtl Und warurn das?” Leise – wie beschwichtigend – gab der Polizist folgende lnformation: ,,Die Fahrstraße muss verbreitert werden, damit die Langstrecken raketen zum neuen Natohauptq ua rtier befordert werden kön nen. Strategisch gesehen bringt die Strecke hier die wenigste Verkehrsbehinderung für den Berufsverkehr. Giesela heulte herzzerreißend vielleicht wie die ,,Urmutter” aller Wegwarten. Ein innerer Schmerz ließ sie ungebremst weinen. Sie lehnte sich an den ,,Freund und Helfer”, ihm dabei die Schulter nass weinend. Er ließ sie gewähren. Warum? Vermutlich dachte er wohl: Wenn ich Katzen von Bäumen retten kann, darf ich auch mal eine traurige Frau bei mir ausweinen lassen. Heute fuhr Giesela nicht mehr zur Arbeit.